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Schulablauf

Obwohl sich jede einzelne Schule ihre besondere Prägung im Unterrichtsangebot selbst setzt und in ihrer Organisationsstruktur autonom verwaltet, bildet in allen Waldorfschulen die Menschenkunde Rudolf Steiners die Grundlage der pädagogischen Arbeit. Aufgrund der anthropologischen Erkenntnisse Rudolf Steiners stellt die Waldorfschule Unterrichtsinhalte, Stundenpläne und Unterrichtsmethoden auf die Entwicklungsbedingungen der jungen Menschen und ihrer sich entwickelnden Fähigkeiten ab. Der Unterrichtsstoff wird nicht gelehrt, damit der Stoff als solcher gelernt wird, sondern die Unterrichtsinhalte dienen vor allem dazu, die Entwicklung des heranwachsenden Menschen zu fördern, Wahrnehmungsfähigkeit differenziert zu schulen und Erkenntnissen im eigenem Erleben einen Platz zu schaffen. Auf dieser Grundlage werden in der Waldorfschule alle staatlich relevanten Schulabschlüsse gemacht.

Wie wird gelernt?

Der Lehrstoff der staatlichen Einrichtungen ist als Kulturgut selbstverständlich auch wesentlicher Bestandteil unseres Lehrplans. Allerdings hängt vieles davon ab, wie man etwas lernt. So werden beispielsweise Fremdsprachen, Geschichte, Mathematik, Naturwissenschaften, Handarbeiten so unterrichtet, dass die vorhandenen oder auch angelegten Fähigkeiten der Kinder entwickelt und gefördert werden. Dieser Grundgedanke bezieht sich auch auf Unterrichtsgebiete, die über die allgemeinen Kulturtechniken hinausreichen: So sollen durch künstlerische oder auch musische Methoden nicht etwa kleine Künstler erzogen, sondern allseitig begabte und entwickelte Menschen herangebildet werden. Das künstlerische Element steht im Mittelpunkt des Unterrichts als entscheidendes Erziehungsmittel, um ein Fundament zu legen für eine umfassende und differenzierte Entwicklung der Sinnesfähigkeiten und schließlich für ein waches, verstandesmäßiges Erkennen der Welt. Darüber hinaus spielen die künstlerisch-musischen Fächer natürlich eine wichtige Rolle in der Waldorfpädagogik: Malen wird von der 1. Klasse an gepflegt, jedes Kind lernt Blockflöte und meistens noch ein weiteres Instrument spielen. Vom Plastizieren in Ton führt der Weg über das Schnitzen bis hin zu bildhauerischen Arbeiten in Holz und Stein in der Oberstufe. Auch in der Bewegungskunst der Eurythmie, einem ganz waldorfspezifischen Fach, lernen die Schülerinnen und Schüler zunächst, sich geschickt im Raum zu bewegen und zu orientieren. Im Einüben künstlerischer Werke sollen sie dann bewusst ihre Bewegungen so gestalten, dass sie in der Bewegungsführung und im choreographischen Ablauf den übergeordneten Eigenwert eines Gedichtes oder Musikstückes zum Ausdruck bringen. Die Eurythmie ist vom Kindergarten bis zum Schulabschluss im Lehrplan fest integriert.

Epochenunterricht

In allen Klassen beginnt für die Schüler der Unterricht am Morgen mit dem Hauptunterricht. Bestimmte Kernfächer werden über drei bis vier Wochen täglich in dieser Blockstunde unterrichtet , während andere Kernfächer in dieser Zeit ruhen. In diesen Epochen - zum Beispiel Biologie, Physik, Chemie, Geographie, Geschichte, später auch Kunstgeschichte - hat der Schüler die Möglichkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren und sich vertieft mit einem Stoff auseinander zu setzen, während sich Wissensinhalte anderer Fächer im Geiste setzen können.
Fächer, wie etwa die Fremdsprachen, die der kontinuierlichen Übung bedürfen, werden fortlaufend in den Fachstunden das ganze Jahr hindurch unterrichtet.

Lehrbücher

In den Epochenfächern wird meist auf herkömmliche Lehrbücher verzichtet. Je nach Klassensituation erhalten die Schüler den Stoff vom Lehrer dargeboten oder er stellt oft auch gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern dem Alter entsprechendes Unterrichtsmaterial zu eigenständiger Arbeit zusammen. Als Extrakt jeder Epoche fertigt jeder Schüler „sein Epochenheft" an, in dem die wichtigsten Ergebnisse festgehalten werden. Diese Epochenhefte können durchaus individuell ausgestaltet sein und stellen für den Schüler sozusagen sein selbstgefertigtes „Lehrbuch" dar.

Religionsunterricht

Die christlichen Jahresfeste sind in der Waldorfschule eng in den Schulalltag eingebunden. Auch schon fast vergessene Jahresfeste wie beispielsweise Michaeli oder Johanni werden gepflegt. Je nach Konfession der Schüler wird ein Religionsunterricht durch die Vertreter der Kirchen erteilt; für Schüler, die keiner Konfession angehören, wird ein allgemein christlicher Religionsunterricht von den Lehrern der Schule erteilt.

Anthroposophie und Schule

Die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie ist als Wissenschaft von der menschlichen Natur des Leibes, der Seele und des Geistes Grundlage der Erziehung, aber nie Unterrichtsgegenstand. Sie ist vielmehr Hilfe für den Lehrer in der Wahl menschengemäßer Methodik und Didaktik für den Unterricht.

Der Klassenzusammenhang - Zeugnisse, Noten und das Sitzenbleiben

Das fehlende Notensystem wird durch Jahreszeugnisse ersetzt. In einer zusammenfassenden Beurteilung werden die individuellen Fähigkeiten und Fortschritte des Schülers beschrieben. Wer den Anforderungen nicht gewachsen ist, hat Anspruch auf Rücksicht und Hilfe seiner Klassenkameraden und Kameradinnen und die seines Klassenlehrers bzw. seiner Klassenlehrerin. Die einzelne Klasse wird in der Regel von der 1. bis zur 8. Klasse von einem Klassenlehrer oder einer Klassenlehrerin geführt, der sie auch in den beiden ersten Stunden des Tages im Hauptunterricht unterrichtet. Erst danach beginnen die Fachlehrer mit ihren Fachstunden. Hierzu ist die Klasse dann häufig in Kleingruppen geteilt.

In der Oberstufe, gelegentlich schon ab 6. oder 7. Klasse, steht den Schülern und Schülerinnen ein Klassenbetreuer als Ratgeber und Bezugsperson zur Seite. Zwar werden die Kernfächer weiterhin im Hauptunterricht erteilt, dann allerdings durch wechselnde Fachlehrer.

Begegnungen innerhalb der Schulgemeinschaft

Mannigfaltige Formen der Begegnung entstehen innerhalb der Schulgemeinschaft. Die Waldorfschule ist bestrebt, diese Formen in besonderer Weise herbeizuführen, stärkt sich doch soziales Verhalten auch über den Klassenverband hinaus in der gegenseitigen Wahrnehmung. So führen beispielsweise die Schüler in bestimmten Abständen sich gegenseitig vor, was sie im Unterricht erarbeitet haben. In der Aula entsteht so ein buntes Bild von Darbietungen, an dem auch Eltern einmal im Jahr als Zuschauer teilhaben können. Diese Darbietungen geben nicht nur einen Einblick in den Lehrplan, sie vermitteln auch etwas von der Begeisterung und dem Lebensgefühl der Kinder.

Besondere Höhepunkte im Schulleben sind die Klassenspiele. In der 8. und 12. Klasse wählt sich eine jede Klasse ein Schauspiel, das sie dann öffentlich der zahlreich versammelten Schulgemeinschaft darbietet. Besonders in der 12. Klasse werden die Stücke meist so gestaltet, dass nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für die Zuschauer neue Erlebnishorizonte eröffnet werden. Aber auch Darbietungen des Schulorchesters und des Schulchores, Eurythmieaufführungen der höheren Klassen sowie die Präsentation von Jahresarbeiten der 12. Klässler sind in diesem Zusammenhang hervorzuheben.

Auch an der Gestaltung der Jahresfeste ist die ganze Schulgemeinschaft beteiligt, sei es nun, dass sich Schüler, Eltern und Kollegen und Kolleginnen beim Sonnwendfeuer zu Johanni begegnen oder aber in der Weihnachtszeit zu den Weihnachtsspielen zusammentreffen. Der alljährliche Martinsbasar bietet Gelegenheit zu gemeinsamen Tun und schließlich auch zum Einkauf handgefertigter Geschenke und zum gemütlichen Beisammensein in Kaffee- und Teestuben.

Eine weitere Begegnungsmöglichkeit ist neben regelmäßig abgehaltenen Elternabenden die sogenannte Elternschule. In ihr werden klassenübergreifend Themengebiete gemeinsam erarbeitet, die u.a. auch einen Einblick in die Hintergründe der Waldorfpädagogik geben oder ganz konkrete methodische Fragen des Unterrichts beleuchten.


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