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Was wissen wir? Ein Klick im Internet – schon können wir uns unabhängig von Zeit und Raum über die Welt, die neuesten Nachrichten, Kochrezepte und die Konfektionsgrößen vermeintlicher Stars informieren. Eigentlich könnten wir über viel Bescheid wissen, die Palette scheint unendlich. Die Frage ist nur, wie verarbeite ich diese Informationen, was haben diese für mich für einen Sinn? Ergreifen sie mich oder werde ich von ihnen ergriffen? Die Frage führt weiter zu der Überlegung, welche Bedeutung eine Wahrnehmung, sei es nun eine Information aus der Welt der Nachrichten oder auch eine ganz alltägliche, vielleicht ein kurzes Gespräch in der Straßenbahn nach einem anstrengenden Tag oder auch nur ein Blick auf die gekräuselte Fläche eines Wasserspiegels, für mich hat. Sind wir heute noch oder vielleicht auch noch nicht in der Lage, Wahrnehmungen so aufzunehmen, dass sie eine Bedeutung für uns haben, dass wir sie mit uns und unseren Intentionen verbinden. Kenne ich überhaupt meine Intentionen? Auch sie sind Wahrnehmungen, wenn auch ganz anderer Art.
Die Kunst scheint ein adäquates Mittel, um diesem Fragenkreis näher zu kommen. Während Kunst gesellschaftlich und auch in der Schule weniger als Erziehungsmittel und Übungsfeld verstanden wird, sondern eher als willkommene Abwechslung zum (schulischen) Alltag, vielleicht noch als Möglichkeit, seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen, tritt der Aspekt der Wahrnehmungsschulung immer mehr in den Hintergrund. Oftmals lediglich darauf ausgerichtet ein fertiges Ergebnis vorzuweisen, scheint in der Kunst die künstlerische Tätigkeit als solche weniger im Fokus der Gesellschaft zu liegen. Dabei bietet diese eine besondere Möglichkeit, Wahrnehmungen gleich welcher Art aufzunehmen und zu verarbeiten.
Wir sind nicht nur rational denkende Menschen. Auch die nicht-rationale Seite will befriedigt werden, wie etwa menschliche Bedürfnisse nach Genuss und Sinnhaftigkeit.
Beispielsweise hat die Farbe Rot eine bestimmte physikalische Wellenlänge, die unser Auge erfasst und die wir entsprechend verarbeiten. Die Qualität der Farbe Rot allerdings ist eine andere Seite der Wirklichkeit. Ob sie subjektiv erfasst und gedeutet wird, ist erst einmal fast nebensächlich. Eine Qualität ist vorhanden und erfahrbar. Die künstlerische Tätigkeit liegt darin, sich dieser Qualität zu nähern. Abzuspüren, ob sich diese Qualität im Übprozess verändert, nachzuspüren, welchen Eigenanteil ich im Erleben habe und ob überhaupt ein „sachlich“ gegebenes Farberleben möglich ist. Hierbei kommt es weniger auf das Ergebnis an, sondern auf die Tätigkeit selbst. Im Prozess lenke ich mein Augenmerk ständig auf die Wahrnehmung, gleich ob sie von außen durch einen Gegenstand oder von innen durch ein Gefühl in mein Bewusstsein tritt. Durch diese Tätigkeit schule ich mein Augenmerk, schließe mich gegenüber meinen eigenen Gefühlen auf, die für mich ebenso als Wahrnehmung erscheinen wie ansonsten gewohnte Wahrnehmungen durch unsere Sinne. Und erst indem ich mich gegenüber diesen Qualitäten öffne, bereit bin hin zu lauschen, wird es überhaupt denkbar, dass nicht alles rational erklärbar ist und erklärbar sein muss.
Unter diesem Aspekt fällt der Kunst und der künstlerischen Tätigkeit besondere gesellschaftliche Bedeutung zu. Die alte philosophische Frage nach der Freiheit des Menschen, nach dem, was ihn zwingt, sei es durch seine Sozialisation oder genetischen Voraussetzungen, sei es durch Gegebenheiten und Wahrnehmungen von außen, als auch durch Gefühle und Affekte von innen, lässt sich zwar auch jetzt nicht beantworten, gewinnt aber auf jeden Fall durch die Überlegungen zur künstlerischen Tätigkeit einen nachdenkenswerten Aspekt.
Donat Südhof

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